Selbstheilung stärken: So aktivierst Du Deinen inneren Arzt

Selbstheilung stärken

Jeder kennt sie, die eigenen Selbstheilungskräfte, die den Schnupfen nach ein paar Tagen verschwinden oder den Kratzer heilen lassen. Aber existiert diese Selbstheilung auch bei schwereren Erkrankungen wie Bluthochdruck, Diabetes oder Krebs? Und wie kannst Du Deine Selbstheilung aktivieren und fördern?

Was ist Selbstheilung und bei welchen Erkrankungen wirken Selbstheilungskräfte?

Um zu verstehen, wie genau ein erkrankter Organismus – egal ob Mensch oder Tier – wieder gesund wird, müssen wir zunächst einen Blick auf die Entstehung von Krankheiten allgemein werfen.

Nehmen wir ein einfaches Beispiel: Wie entsteht eine Erkältung? „Durch Krankheitserreger natürlich“, wirst Du Dir denken. Und Du hast natürlich Recht!

Aber Erregern und Fremdkörpern ist unser Organismus rund um die Uhr „ausgesetzt“. Warum wird man das eine Mal krank und das andere Mal nicht? „Vielleicht weil es besonders aggressive Bakterien oder Viren waren“, lautet eine häufige Vermutung. Und das mag durchaus sein. Trotzdem handelt es sich hierbei meistens noch immer nicht um die wirkliche Ursache.

Denn damit ein unerwünschter Eindringling in Deinen Körper gelangt, muss er zunächst unzählige Abwehrmechanismen überleben, bevor er in der Blutbahn auf den „Endgegner“ trifft – den Antikörpern und Fresszellen. Nur wenn der Erreger sich schneller vermehren kann, als unsere Abwehrzellen in der Lage sind, ihn auszuschalten, wirst Du krank.

Die Frage muss also lauten: Warum war unser Immunsystem dieses Mal nicht stark genug beziehungsweise warum konnte es der Eindringling an allen Abwehrmechanismen vorbei schaffen? Das sind die Fragen, um die eigentliche Ursache zu finden. Ähnlich tief in seiner Analyse muss man bei allen Erkrankungen gehen.

Um beim Beispiel zu bleiben: All die Abwehrmechanismen Deines Körpers sind bereits ein Teil Deiner Selbstheilungskräfte. Und wenn Du dann tatsächlich krank bist – egal ob Rückenschmerzen, Krebs oder harmlose Erkältung -, werden über verschiedenste Wechselwirkungen zusätzliche Reparaturmaßnahmen in die Wege geleitet.

„Selbstheilung ist die Fähigkeit des Körpers, Krankheitszustände zu überwinden und wieder gesund zu werden. Daran ist nichts esoterisch. Denken Sie an eine Wunde, die sich von allein schließt. Das ist eine typische Form der Selbstheilung.“ – Prof. Dr. Tobias Esch[1]

Nochmals zur Verdeutlichung: Der menschliche Organismus – wie auch der jedes anderen Lebewesens – regeneriert und repariert sich pausenlos selbst. Unermüdlich werden Zellen erneuert, DNA-Fehler beseitigt und Verletzungen geheilt. Allein in der Haut „erblicken“ etwa eine Milliarde neue Zellen jeden Tag das Licht. Gleichzeitig stirbt dieselbe Menge und schützt uns somit sogar vor Fremdkörpern, die mit dem Tod der Zellen unseren Körper verlassen. [2]

Gäbe es diese ständige Selbstheilung nicht, würde kein Lebewesen existieren können. Selbstheilung ist deshalb ein fundamentaler Baustein, der es jedem Leben ermöglicht, Störungen eigenständig zu beheben und Balance anzustreben. Kommt es jedoch aufgrund zu starker Störfaktoren zu Dysbalancen, überwiegt zum Beispiel entweder Zellabbau (z.B. Osteoporose) oder ungeregelter Zellaufbau (Tumor) und man wird krank.

Medizinische Maßnahmen können Dich deshalb nicht heilen. Heilen kann nur Dein Körper selbst. Aber sie können Deine Selbstheilung unterstützen – oder aber auch verschlechtern. Worauf ihr, Deine Ärzte und Du als Patient, achten solltest, erfährst Du im nächsten Kapitel.

Selbstheilungskräfte aktivieren

Warum schwören manche auf offensichtlich esoterische Behandlungspraktiken wie Fernheilung, Handauflegen oder Homöopathie und bei anderen wirken diese Methoden überhaupt nicht?

Das liegt daran, dass jede Therapieform – egal ob aus der Schul- oder Alternativmedizin – immer auf zwei Arten Deine Selbstheilung beeinflussen kann:

  1. Einerseits gibt es den spezifischen Therapieeffekt, also die tatsächliche Wirkung einer Maßnahme. So ist beispielsweise bei Übergewicht und Bluthochdruck der spezifische Therapieeffekt von Bewegung besser als der von Abnehm-Shakes – selbst wenn die Personen von beidem ebenso viel überzeugt sind.
  2. Zweitens gibt es die sogenannten Kontextfaktoren. Selbst wenn eine Maßnahme keinerlei spezifische Wirkung hat, wie beispielsweise Homöopathie, kann sie dennoch die Selbstheilung unterstützen, wenn der Betroffene daran glaubt. [3][4] Und dieser „Glaubenseffekt“ kann sogar so stark sein, dass er den spezifischen Therapieeffekt völlig ausschalten oder gar umkehren kann. In einer Studie haben Ärzte schwangeren Frauen erzählt, sie bekämen ein wirksames Mittel gegen ihre Übelkeit. Die Wirkung wurde als sehr gut bewertet. Tatsächlich aber erhielten sie ein Brechmittel. Die pharmakologische Wirkung wurde allein durch die Kraft der Überzeugung und Gedanken somit sogar ins Gegenteil verkehrt. In der Placebo-Forschung findet man mittlerweile einige Beispiel wie diese. [5][6][7]

Es ist der Geist, der sich den Körper baut. – Friedrich Schiller

Ob Deine Selbstheilung also gestärkt wird oder nicht, hängt maßgeblich von Dir selbst ab. Bist Du einer therapeutischen Empfehlung kritisch gegenüber, fühlst Du Dich vom Arzt unzureichend beachtet und wahrgenommen, hast Du Angst, bist Du gestresst oder wurdest zu einer Behandlung überredet, wird der Heilungseffekt sehr wahrscheinlich nicht oder nur deutlich schwächer eintreten.

Scharlatane berufen sich sehr gern auf diese Kontextwirkung einer Therapie und behaupten: „Wer heilt, hat Recht“. Und für den Einzelnen mag das durchaus stimmen. Aber auch bei ihnen ist es nicht anders, als bei Schulmedizinern: Heilung ist prinzipiell immer Selbstheilung. Weder eine Arznei und auch nicht der Therapeut oder gar eine Diät können heilen. Sie können bestenfalls unterstützen.
So haben mehrere Studien ergeben, wie fundamental wichtig eine gute Arzt-Patienten-Beziehung für die Heilung ist. [8]

Obwohl er nur eine indirekte Intervention ist, kann der ärztliche Rat einen mächtigen Placebo-Effekt auslösen – unglücklicherweise aber auch einen Nocebo-Effekt – Brian Olshansky, Kardiologe

Faktoren, die Deine Selbstheilung aktivieren oder auch behindern können:

Fördert SelbstheilungVerschlechtert Selbstheilung
  • Ausreichend Bewegung [9]
  • Ausgewogene Ernährung [10][11]
  • Entspannung [12][13]
  • Der Glaube an eine Maßnahme und Autosuggestion [14]
  • Waldbaden, also der bewusste und achtsame Aufenthalt im Wald – mit all seinen medizinisch nachgewiesenen Wirkungen auf Deine Gesundheit [15]
  • Lachen und Zufriedenheit [16]
  • Bewegungsmangel
  • Ungesunde Ernährung durch bspw. Fast Food
  • Der Zweifel an einer Maßnahme
  • Stress, Ängste und Sorgen
  • Unzufriedenheit, innere Leere

Das beste Ergebnis würde man deshalb als Arzt oder Therapeut erreichen, wenn man die jeweils beste Therapieform wählt und die Kontextfaktoren berücksichtigt. Ein ganz wesentlicher Teil davon hat sehr viel mit Einfühlungsvermögen, aufgebrachter Zeit pro Patient und Vertrauen auf die Selbstheilungskräfte zu tun.

„Der Arzt verbindet deine Wunden. Dein innerer Arzt aber wird dich gesunden.“ – Paracelsus

Ein gebrochener Fuß wächst daher schneller zusammen, wenn der Patient dem Arzt vertraut und wenn er – wie Aaron Anonovsky als entscheidende salutogenetische (gesundmachende) Faktoren herausgearbeitet hat – den Heilungsprozess durch selbstverantwortliches Handeln aktiv unterstützen und beschleunigen kann.

Weitere salutogenetischen Faktoren, die die Selbstheilung massiv beeinflussen, sind die Qualitäten der Elemente Luft, Boden und Wasser, die Ernährungsweise, die Bewegungsart, -häufigkeit- und intensität, die geistige Einstellung und Widerstandskraft, das soziale Umfeld, die Arbeit, Hobbies, Liebe und Sexualität, Lebensziele und so weiter.

Ist Spontanremission dasselbe wie Selbstheilung?

Spontanremission und Spontanregression sind Begriffe aus der Onkologie, also aus dem medizinischen Bereich der Tumorerkrankungen. Sie beschreiben die Spontanheilung – also das komplette oder teilweise und unerwartete Verschwinden – von bösartigen Tumoren.

Prinzipiell handelt es sich hierbei demnach auch um eine Selbstheilung, nur eben speziell bezogen auf Krebserkrankungen. Warum hier extra Begriffe geschaffen wurden, liegt vermutlich daran, dass die Wissenschaft noch immer kein allumfassendes Verständnis von Tumoren hat. Insbesondere die Ursachen im Einzelfall meistens unbekannt, da in der Regel sehr viele Risikofaktoren auf die Krebsentstehung und das Krebswachstum einwirken.

Dennoch gibt es immer wieder Einzelfälle, die trotz Todesdiagnose wieder gesund wurden. Allein in der Literaturdatenbank PubMed existieren über 1000 veröffentliche Fallstudien. So kommt laut einer Übersichtsarbeit eine solche Spontanheilung etwa bei 1/100.000 Krebserkrankungen vor. [17]

Die Dunkelziffer dürfte aber weitaus höher liegen, da nahezu jeder Tumorpatient heutzutage „klassisch“ behandelt wird und es aufgrund fehlender Doppelblind-Studien keine Sicherheit gibt, wie die Heilung ohne operative beziehungsweise Chemotherapie verlaufen wäre. [18]

Heute weiß man: Bei einigen wenigen Krebsarten ist die Tumorrückbildung ohne Behandlung gar nicht so selten. – Krebsinformationsdienst, Deutsches Krebsforschungszentrum [19]

Dieser Fakt kann Hoffnung geben und ist sicherlich sehr förderlich für den Optimismus von Betroffenen. Allerdings sollte diese Tatsache nicht dazu führen, dass man grundsätzlich jegliche Behandlung von vornherein ablehnt. Insbesondere bei Tumorerkrankungen gilt es sein Vorgehen ganz genau abzuwägen.

Bewegung stärkt Deine Selbstheilungskräfte

Sport ist Mord? Falsch! Denn Bewegung stärkt nachweislich Deine Selbstheilungskräfte. Bewegungsmangel hingegen wirkt wie ein Brandbeschleuniger für Erkrankungen. Über 35 Zivilisationskrankheiten sind direkt oder indirekt auf fehlende körperliche Aktivität zurückzufüh-ren. [22]

„Schuld“ sind unsere Gene: Denn über Jahrmillionen hat sich der menschliche Organismus durch gnadenlose Auslese zu einem ausdauernden Bewegungskünstler entwickelt, und nicht etwa zum „Sofa-löchrig-liegen“. Unser kompletter Bewegungsapparat ist – wie der Name bereits sagt – auf Bewegung ausgelegt. Nur mit ausreichend Bewegung funktioniert unser Körper einwandfrei.

Das Problem: Durchschnittlich 80.000 Stunden sitzt der Deutsche in seinem Leben – als Büroarbeiter schnell bis zu 12 Stunden täglich. Die Folgen sind Durchblutungs- und Stoffwechselstörungen, muskuläre Dysbalancen und Verspannungen, Herz-Kreislauf-Probleme, Immunschwäche und viele weitere. [21][22]

Typischer Arbeitstag-Sitzen-Knieprobleme

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Selbst Sport nach der Arbeit – so löblich das ist – reicht alleinig nicht, um die negativen Gesundheitsfolgen des Dauersitzens komplett zu kompensieren, wie eine skandinavische Studie herausfinden konnte. [23][24] Arbeitsmediziner und Wissenschaftler empfehlen deshalb, lange Sitzzeiten immer wieder zu unterbrechen und kleine Bewegungsgewohnheiten in den Alltag zu etablieren.

Für Büroarbeiter bewährt hat sich die sogenannte 40-15-5 Regel: 40 Minuten dynamisch sitzen, 15 Minuten dynamisch stehen und 5 Minuten aktiv umhergehen.

Selbstheilungstechnik Autosuggestion

Wie Du in den vorherigen Kapiteln erfahren hast, ist Deine Psyche ganz wesentlich für Deine Selbstheilungskräfte verantwortlich. Aus diesem Grund ist die sogenannte Autosuggestion – also bildhafte Vorstellen und Wiederholen bestimmter Glaubenssätze – eine beliebte und wirksame Selbstheilungstechnik.

Ein verblüffendes Fallbeispiel aus den 1970er Jahren zeigt sehr eindrucksvoll, welche Kraft die eigenen Gedanken vollbringen können: Die wahre Geschichte handelt von einem neunjährigen Jungen mit aggressivem Hirntumor, dem mit konventionellen Maßnahmen nicht mehr geholfen werden konnte.

Daraufhin nahm sich die Psychotherapeutin und Immunologin Patricia Norris ihm an. In ihren Sitzungen leitete sie den Jungen in meditative Fantasiereisen und übte Entspannungstechniken mit ihm. Beides praktizierte er auch außerhalb der Therapiesitzungen weiter.
Dabei sollte er sich vorstellen, dass ein schwerbewaffnetes Kampfraumschiff durch seinen Körper flog und die Krebszellen attackierte.

Nach einiger Zeit teilte der zuerst todgeweihte Junge der Psychologin mit, dass keine gegnerischen Raumschiffe (die Krebszellen) mehr da wären. Das Unglaubliche: In der daraufhin durchgeführten Computertomographie wurde festgestellt, dass der Tumor tatsächlich verschwunden war. [25]

Zugegeben, das war ein Einzelfall. Aber dennoch ist er nicht weniger verblüffend, und auch gar nicht so unvorstellbar. Denn auch Erkältungen und Grippen konnten in Untersuchungen mit meditativen Fantasiereisen auf ähnliche Weise erfolgreich verkürzt werden. [26]

Deshalb probiere es doch einfach einmal selbst aus:



[1] https://www.geo.de/wissen/gesundheit/21086-rtkl-selbstheilung-so-aktivieren-sie-den-inneren-arzt
[2] https://www.sciencedirect.com/topics/medicine-and-dentistry/cell-renewal
[3] https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/12492603
[4] https://www.cochranelibrary.com/cdsr/doi/10.1002/14651858.CD005974.pub4/pdf/abstract
[5] https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6381056/
[6] https://europepmc.org/articles/pmc5367890
[7] https://europepmc.org/scanned?pageindex=1&articles=PMC439730
[8] https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4732308/
[9] https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4241367/
[10] https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/29302846
[12] Bas Kast: „Der Ernährungskompass: Das Fazit aller wissenschaftlichen Studien zum Thema Ernährung – Mit den 12 wichtigsten Regeln der gesunden Ernährung“, 2018, C. Bertelsmann Verlag
[13] https://www.tk.de/presse/themen/praevention/gesundheitsstudien/tk-stressstudie-2016-wie-gestresst-ist-deutschland-2041952
[14] Patricia Norris, Garret Porter: „I Choose Life: The Dynamics of Visualization and Biofeedback“, 2012
[15] Qing Li u.a.: „Effect of phytoncides from forest environments on immune function“, in: Qing Li, Forest Medicine, S. 159-169, Nova Biomedical Verlag, New York, 2013
[16] https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2762283/
[17] U. Hobohm: Fever and cancer in perspective, In: Cancer Immunol Immunother 50, 2001, S. 391–396
[18] https://www.cancer.net/research-and-advocacy/clinical-trials/placebos-cancer-clinical-trials
[19] https://www.krebsinformationsdienst.de/tumorarten/grundlagen/spontanheilung.php
[20] https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC4241367/
[21] http://www.focus.de/gesundheit/mein-ruecken-und-ich/oefter-mal-stehen-bleiben-depressionen-krebs-rueckenschmerzen-so-schaedlich-ist-sitzen-fuer-ihre-gesundheit_id_4902038.html
[22] https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC2996155/

[23] http://www.zeit.de/karriere/beruf/2012-10/sitzen-gesundheit-arbeit
[24] http://onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/j.1600-0838.2012.01456.x/abstract
[25] Barbara Hewson-Bower und Peter Drummond: „Psychological treatment for recurrent symptoms of cold and flue in children“, in: Journal of Psychsomatic Research (2001:51, Amsterdam, 2001


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