Schmerzen durch verklebte Faszien: Was Dir keiner sagen will

Faszien sind in aller Munde.

Wissenschaftler und Therapeuten diskutieren heiß über dieses interessante Bindegewebe. [1,2] Man hört oft, Verspannungen wären eigentlich Faszien Schmerzen, deren Ursache verklebte Faszien und ein schwaches Bindegewebe sind.[3] Die scheinbar logische Konsequenz ist dann: Wer Verspannungen lösen möchte, muss auch verklebte Faszien lösen.[4]

Doch was steckt dahinter und was sind Faszien eigentlich?

Wir verraten Dir den aktuellen Stand der Wissenschaft und klären über 4 typische Faszien-Mythen auf.

Sie lauten:

  • Faszien verkleben durch Bewegungsmangel

  • Faszien können verkleben

  • Verklebte Faszien verursachen Schmerzen

  • Verklebte Faszien können gelöst werden

Inhaltsverzeichnis

  1. Was sind Faszien?

  2. 4 Faszien-Mythen

  3. Fazit

Was sind Faszien?

Hast Du Dich auch schon mal gefragt, was Faszien eigentlich sind und welche Rolle sie in Deinem Körper spielen? Tatsächlich gibt es keine einheitliche Definition des Begriffs “Faszie”. Denn es ist bislang unklar, welche Strukturen darunter fallen. [5] 

Stelle Dir die Faszie als eine dünne netzartige Haut vor; ein Bindegewebe, das Muskeln und Organe umhüllt. So durchziehen Faszien Deinen ganzen Körper.

Wahrscheinlich kennst Du Muskelfaszien von der Zubereitung von Fleisch. Sie sind das weiße Netz, welches das Fleisch umhüllt. Ein vegetarisches Beispiel für Faszien ist die weiße, dünne Haut von Orangen oder anderen Zitrusfrüchten.

Eigenschaften der Faszien: [6,7]

  • Sie sind Hüllschichten und zusätzliche Ansatzpunkte für Muskeln.

  • Sie unterstützen die Muskelpumpe.

  • Sie schützen Gefäße. 

  • Sie sind eine Barriere gegen Infektionen.

  • Sie übertragen Muskelkräfte.

  • Sie können sich entzünden

Faszien liegen direkt am Muskel und “verschmelzen” mit ihm. Eine scharfe Trennung oder klare Linie gibt es nicht. [7]

4 Faszien-Mythen

1

Faszien verkleben durch Bewegungsmangel

Diese 3 Faktoren sind, so liest man, Schuld an verklebten Faszien: [4]

  • hohe psychische Belastung 

  • “falsche” oder ungesunde Ernährung 

  • “falsche” Bewegung und Bewegungsmangel

Der Bewegungsmangel scheint aber der gefährlichste von allen Übeltätern zu sein. 

Das hieße doch, wer Hummeln im Hintern hat, hat auch keine Faszienprobleme und somit ein schmerzfreies Leben. Also darf man jetzt nie länger als zwei Minuten ruhen? Doch, das darfst Du!

Wir erklären wieso: 

Dass durch Bewegungsmangel oder durch “falsche” Bewegung Faszien verkleben, ist eine Behauptung, die niemals wissenschaftlich bestätigt wurde. Auch nicht, ob jahrelanger Bewegungsmangel irgendeinen Einfluss auf Faszien hat. Die Wissenschaft sieht hier keinen Zusammenhang. Das heißt nicht, dass es gar keinen gibt – nur wäre es verkehrt, hier wissenschaftliche Ergebnisse zu suggerieren, die so nicht stimmen. Und bitte nicht falsch verstehen: Natürlich ist Bewegung gesund und wichtig!

Die Annahme “falsche” Bewegungsmuster können der Gesundheit schaden, führt zu Angst vor “falscher” Bewegung (Kinesiophobie). Das Ergebnis ist: Man bewegt sich weniger, was auf Dauer tatsächlich der Gesundheit schadet. Angeblich ist das Problem “falsches” Gehen, “falsches” Heben, “falsches” Schlafen. Dabei ist das eigentliche Problem diese angstvolle Erwartungshaltung, denn “falsche Bewegungen” gibt es nicht.

Was ist der Nocebo-Effekt?

Beispiel: Jemand hat Angst vor den Nebenwirkungen einer Impfung. Nach der Impfung steigt die Wahrscheinlichkeit, dass diese Person Nebenwirkungen spürt und die positive Wirkung dieser Behandlung geringer ausfällt. 

Das Gleiche gilt auch, wenn man von einer gewissen Schlafposition Schmerzen erwartet. [8]

2

Faszien können verkleben

Ja, zum Beispiel bei seltenen Bindegewebserkrankungen oder bei Narbengewebe kann es zu einer Aneinanderhaftung von Bindegewebe kommen.[9] In der Faszienforschung wird Gewebe von verstorbenen Menschen zur Betrachtung herangezogen. Dieses Gewebe ist wegen der Totenstarre stark versteift. [10] Rückschlüsse auf das Gewebe lebender Menschen sind lediglich Vermutungen.

Eine Verklebung von Muskelfaszien beim lebenden Menschen kann nicht zuverlässig festgestellt werden. Tatsächlich gibt es nach aktuellem wissenschaftlichen Stand keine Tests, mit denen eine Verklebung von Faszien diagnostiziert werden kann. [11]

Hast Du schon mal gehört, Therapeuten könnten verklebte Faszien mit ihren Händen aufspüren? Die Wissenschaft konnte das bislang nicht bestätigen.[12]

Faszien sind dann angeblich verklebt, verklumpt, verfilzt, verhärtet oder ausgefranst. Was genau die Unterschiede sind, ist unklar. Vielleicht meinen sie auch alle dasselbe.

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3

Verklebte Faszien verursachen Schmerzen

2009 und 2011 wurde ein Zusammenhang zwischen der Dicke von Faszien und Rückenschmerzen bestätigt. Die beiden amerikanischen Studien kamen zu dem Ergebnis, dass die Thoracolumbal-Faszie im unteren Rücken bei Rückenschmerz-Patienten zu 25 % dicker und 20 % steifer ist als bei Menschen ohne Rückenschmerzen. [13,14]

Ob die Verdickung eine Reaktion auf Schmerz ist oder ob die Verdickung Schmerz auslöst, weiß man nicht. Der Zusammenhang könnte auch ganz anders begründet sein, [10] da Schmerz sehr komplex ist.

Insbesondere Rückenschmerzen und Kreuzschmerzen  sind multidimensional und können oft nicht erklärt werden. 

Wusstest Du, dass 90 - 95 % aller Schmerzen im Bereich des unteren Rückens unspezifisch sind? [15] Das bedeutet, dass es für sie keine eindeutige Ursache gibt.

Es ist durchaus denkbar, dass Faszien die Schmerzperzeption als einen reizgebenden Faktor beeinflussen können. Da Schmerzen sehr komplex sind, ist das nicht ausgeschlossen. Wie groß der Einfluss ist und wie wichtig Faszien in der Schmerztherapie sind, bleibt dennoch unklar.

4

Verklebte Faszien können gelöst werden

Therapeuten verordnen nach dem “Erspüren” einer Verklebung dem Patienten eine Faszientherapie. Durch intensives Drücken und Ziehen sollen verklebte Faszien “gelöst” und somit die Schmerzursache geheilt werden. Je nach Therapeut sieht eine Faszientherapie unterschiedlich aus, doch es ist nicht ausreichend wissenschaftlich erwiesen, dass diese tatsächlich helfen. Als Patient solltest Du daher Faszien-Therapien gegenüber immer kritisch sein. 


Das Problem:

Faszien sind sehr zäh, so hart wie Kevlar. Wären sie noch härter, wäre der Mensch kugelsicher. [10] Die Kräfte, die man bräuchte, um Faszienstrukturen nur um 1 % zu verändern, liegen außerhalb des physiologisch möglichen Bereichs. [16] Kein Mensch kann solche Kräfte mit den Händen ausüben. Was auch immer der Therapeut beim “Lösen” der Faszien spürt, die Faszien sind es nicht. [12]


Die Therapien wirken nicht auf die Faszien. Das heißt jedoch nicht, dass sie keine Wirkung haben. Es werden immer mehr Wirksamkeitsstudien zur Faszientherapie durchgeführt, bisher ist die Evidenz jedoch unzureichend. [17, 18]

Fazit

Faszien sind interessant. Sie sind überall im Körper und erfüllen wichtige Aufgaben. [6, 7] Faszien können Teil der Schmerzentwicklung sein. Dies sollte jedoch immer stark differenziert betrachtet werden, da "DIE" Faszien nicht als allein autonom funktionierendes System betrachtet werden dürfen.

Doch als genau das werden sie leider oft betrachtet, was nicht selten zu beängstigenden Faszien Mythen und damit einhergehend zu ineffektiven Therapieansätzen ohne wissenschaftlichen Nachweis führt. Zum Beispiel macht die extreme Zähigkeit der Faszien es unmöglich, ihre Struktur durch manuelle Therapien zu beeinflussen. 

Das heißt nicht, dass “Faszientherapien” keine Wirkung haben, sie wirken nur nicht auf die Faszie. 

Es mag sein, dass Dir eine Therapie gut tut, das heißt aber nicht, dass Dir eine andere Therapie nicht noch besser helfen könnte. Verlasse Dich im Zweifel lieber auf die Wissenschaft und vertraue der Behandlung, die beweisen kann, dass sie hilft.

Stehe außerdem angstmachenden Aussagen kritisch gegenüber. Deinen Körper wirft so schnell nichts aus der Bahn, vor allem keine “falschen” Bewegungen. Er ist stark und widerstandsfähig, und nach allem, was wir wissen, ist die Faszie das auch.

[1] Freiwald, Jürgen, et al. "Foam-rolling in sport and therapy–potential benefits and risks: part 1–definitions, anatomy, physiology, and biomechanics." Sports Orthopaedics and Traumatology 32.3 (2016): 258-266

[2] Thalhamer, Christoph. "A fundamental critique of the fascial distortion model and its application in clinical practice." Journal of bodywork and movement therapies 22.1 (2018): 112-117.

[3] https://www.ndr.de/ratgeber/gesundheit/Faszien-Verspannungen-mit-dem-richtigen-Training-loesen,faszien114.html

[4] https://www.liebscher-bracht.com/therapie/faszienrollen/verklebte-faszien/

[5] Benjamin, Mike. “The fascia of the limbs and back--a review.” Journal of anatomy vol. 214,1 (2009): 1-18. doi:10.1111/j.1469-7580.2008.01011.x

 [6] Stecco, Carla et al. “Histological study of the deep fasciae of the limbs.” Journal of bodywork and movement therapies vol. 12,3 (2008): 225-30. doi:10.1016/j.jbmt.2008.04.041

[7] Schleip, R et al. “Active fascial contractility: Fascia may be able to contract in a smooth muscle-like manner and thereby influence musculoskeletal dynamics.” Medical hypotheses vol. 65,2 (2005): 273-7. doi:10.1016/j.mehy.2005.03.005

 [8] Požgain, Ivan et al. “Placebo and nocebo effect: a mini-review.” Psychiatria Danubina vol. 26,2 (2014): 100-7.

 [9] Stecco, Carla et al. “Histological study of the deep fasciae of the limbs.” Journal of bodywork and movement therapies vol. 12,3 (2008): 225-30. doi:10.1016/j.jbmt.2008.04.041

[10] https://www.painscience.com/articles/does-fascia-matter.php

[11] Lars Remvig, Richard M. Ellis & Jacob Patijn (2008) Myofascial release: an evidence-based treatment approach?, International Musculoskeletal Medicine, 30:1, 29-35, DOI: 10.1179/175361408X293272

[12] Cooperstein, Robert, and Michael Hickey. “The reliability of palpating the posterior superior iliac spine: a systematic review.” The Journal of the Canadian Chiropractic Association vol. 60,1 (2016): 36-46.

[13] Langevin, Helene M et al. “Ultrasound evidence of altered lumbar connective tissue structure in human subjects with chronic low back pain.” BMC musculoskeletal disorders vol. 10 151. 3 Dec. 2009, doi:10.1186/1471-2474-10-151

[14] Langevin, Helene M et al. “Reduced thoracolumbar fascia shear strain in human chronic low back pain.” BMC musculoskeletal disorders vol. 12 203. 19 Sep. 2011, doi:10.1186/1471-2474-12-203

[15] Bardin, Lynn D et al. “Diagnostic triage for low back pain: a practical approach for primary care.” The Medical journal of Australia vol. 206,6 (2017): 268-273. doi:10.5694/mja16.00828

[16] Chaudhry, Hans et al. “Three-dimensional mathematical model for deformation of human fasciae in manual therapy.” The Journal of the American Osteopathic Association vol. 108,8 (2008): 379-90. doi:10.7556/jaoa.2008.108.8.379

[17] McKenney, Kristin et al. “Myofascial release as a treatment for orthopaedic conditions: a systematic review.” Journal of athletic training vol. 48,4 (2013): 522-7. doi:10.4085/1062-6050-48.3.17

[18] Laimi, Katri et al. “Effectiveness of myofascial release in treatment of chronic musculoskeletal pain: a systematic review.” Clinical rehabilitation vol. 32,4 (2018): 440-450. doi:10.1177/0269215517732820

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