Die Entstehung von (chronischen) Schmerzen verstehen und Beschwerden lindern

Ursachen und Behandlung von (chronischen) Schmerzen
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Von Prof. Dr. rer. medic. Alfred Rucker nach hohen wissenschaftlichen Standards geprüft.

Info

Rückenschmerzen, Nackenschmerzen, Kopfschmerzen oder auch Bauchschmerzen – die Liste der Schmerzarten ist lang. Kaum etwas erschwert den Alltag mehr als Schmerzen. Sie können pochen, pulsieren, dumpf oder stechend sein. Doch sie haben alle eine Gemeinsamkeit: Schmerz soll uns vor körperlichen und sozialen Bedrohungen wie Verletzungen oder Isolation schützen. [1]

Schmerzen wären etwas Wunderbares, wenn sie nur nicht so weh tun würden.

Ralf Brebeck

Wahrscheinlich werden deshalb in unserer Wohlstandsgesellschaft Schmerzen gerne verdrängt. Mit Pillen, Spritzen und OPs. Manch ein Marathonläufer nimmt sogar provisorisch eine Schmerztablette – aus Angst vorm Schmerz beim kilometerlangen Laufen. [2]

Schmerzen sollten per se aber kein Grund sein, Angst zu bekommen. Denn sie sind in erster Linie ein Signal des Körpers, das uns helfen soll, uns mit den schmerzauslösenden, ungünstigen Bedingungen auseinanderzusetzen und sie zu verbessern.

Nimmst Du aber über Tage anhaltende Schmerzen nicht ernst und betäubst oder erträgst sie still, können aus akuten schon bald chronische Schmerzen werden. Damit das bei Dir nicht passiert, zeige ich Dir in diesem Artikel die Essenz der aktuellen Schmerzforschung sowie die besten Methoden, um dem Teufelskreislauf vorzubeugen oder ihn möglicherweise zu durchbrechen.

Mir haben die wissenschaftlichen Erkenntnisse sehr geholfen: Trotz Skoliose, Morbus Scheuermann und Beckenschiefstand, konnte ich meine chronischen Rückenschmerzen besiegen.

Inhaltsverzeichnis

  1. Wichtige Grundlagen: Was ist Schmerz?

  2. Hilfreiche Artikel zum Schmerzverständnis bei verschiedenen Krankheitsbilder

  3. Wann Schmerz entsteht und wovon die Schmerzintensität abhängt

  4. Wie chronische Schmerzen entstehen

  5. Wirksame Behandlungsstrategien bei chronischen Schmerzen

  6. Wie Du schmerzfrei werden kannst trotz Skoliose, Arthrose, Bandscheibenschäden und Co.

  7. Sind Schmerztabletten sinnvoll?

  8. Bei Schmerzen Ruhe oder Bewegung?

  9. Fazit: Schlüsselerkenntnisse zum Thema Schmerzen

Die meisten Schmerzen sind ungefährlich und nicht lebensbedrohlich. In sehr seltenen Fällen kann Schmerz aber auch ein Zeichen für eine schwere Erkrankung wie einen Tumor oder eine Infektion sein. Deshalb solltest Du im Zweifel immer einen Arzt aufsuchen!

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Wichtige Grundlagen: Was ist Schmerz?

Schmerz scheint manchmal ziemlich seltsam: Für die meisten ist der Stich an einer Dornenhecke schmerzhafter als eine Blutentnahme mit viel größerer Nadel. Andere haben Phantomschmerzen in amputierten Gliedmaßen. [3]

Ich selbst habe einmal mit gebrochenem Fuß weiter am intensiven Fußballtraining teilnehmen können – fast ohne Schmerzen. Am nächsten Tag konnte ich kaum noch laufen.

Durch die Schmerzforschung wissen wir mittlerweile, dass Schmerz und seine Intensität nicht einfach nur das Maß körperlichen Schadens widerspiegelt. Schmerz ist ein sehr individuelles und reales Gefühl, das von vielen Lebensbereichen beeinflusst wird und sich selbst wiederum wechselseitig auf viele Bereiche auswirkt und sich auch entwickelt – man könnte sagen, Schmerz wird auch auf eine bestimmte Art und Weise durch unsere das Leben beeinflussenden Umstände gelernt. Es ist somit ein ständiger dynamischer physiologischer Lern-Schutz-Prozess. Dies bedeutet im Umkehrschluss aber auch, dass Du eine Vielzahl an Möglichkeiten hast, um Deine Schmerzen zu behandeln.

Definition: Schmerz ist ein unangenehmes und stark vom eigenen Befinden und Zustand abhängiges Gefühl, welches durch emotionale, soziale und kognitive Faktoren entsteht und beeinflusst wird. Das Schmerzgefühl hat die Aufgabe, auf aktuelle oder drohende Schäden im Körper hinzuweisen. In der Regel bewertet das Gehirn immer dann etwas als bedrohlichen Zustand, wenn die Summe Deiner aktuellen Belastungen größer ist als Deine psychische und physische Belastbarkeit zu diesem Zeitpunkt. [4][5]

Ein paar wenige Menschen mit Genmutationen fühlen tatsächlich keinen Schmerz. Ihr Leben ist geprägt von Knochenbrüchen, Wunden, Infektionen und es ist meist sehr kurz. Die Empfindung des Schmerzes ist damit ein lebenswichtiger Schutzfaktor. Sonst würden Kinder wohl ihre Hand für Stunden auf der Herdplatte lassen. [6]

Die primäre Aufgabe von Schmerz ist es, uns “zu erziehen”. So warnt uns der akute Schmerz vor Gefahren wie scharfen oder heißen Gegenständen, eintöniger Körperhaltung und einseitiger Belastung. Durch entsprechende Gegenmaßnahmen wird man in der Regel schnell wieder schmerzfrei.

Anders ist das bei chronischen Schmerzen, also wenn etwas dauerhaft weh tut. Das passiert immer dann, wenn unsere Schmerzverarbeitung, also unser Warnsystem, übersensibilisiert ist oder wenn die Ursachen weiterhin bestehen. In Deutschland leiden etwa 12 bis 15 Millionen Menschen an länger andauernden oder wiederkehrenden Schmerzen. [7] Wenn Du oder ein Angehöriger von Dir dazu gehören, lies bitte unbedingt aufmerksam weiter – ich werde einige Mythen aufdecken und praxiserprobte Tipps geben!

Aber nicht nur physische Auslöser können zu Schmerzen führen, sondern auch emotionale Trigger wie Liebeskummer oder Mobbing. Unterschiedliche Studien zeigen, dass bei seelischem oder psychischem Schmerz die gleichen Hirnareale wie bei körperlichem Schmerz aktiviert werden. [8]

Hilfreiche Artikel zum Schmerzverständnis bei verschiedenen Krankheitsbilder

Wann Schmerz entsteht und wovon die Schmerzintensität abhängt

Dein Körper ist ununterbrochen mit unzähligen Reizen konfrontiert, die er verarbeiten und deren Einfluss beziehungsweise Gefahr er bewerten muss. Dazu zählen biologische (z. B. Temperatur, körperliche Betätigung/Belastung), psychologische (z. B. eigene Überzeugungen, Werte, Wissen, emotionaler Zustand) und soziale Reize (z. B. Freundschaften, Familie, Liebe).

All diese Einflüsse führen zu Zustandsänderungen im Körper wie zum Beispiel Gewebeschäden oder auch biochemische Veränderungen wie zum Beispiel eine erhöhte Temperatur oder erhöhtem Blutdruck.

Über sogenannte Rezeptoren (z.B. Nozizeptoren) werden all diese Informationen wahrgenommen und über das Nervensystem weitergeleitet und verarbeitet. Bevor eine vermeintliche Gefahr als “Reiz-Nachricht” durch Nozizeptoren an das Gehirn weitergeleitet wird, sortiert es nach eigenem gelerntem Ermessen und Erfahrung die als eher unwichtig empfundenen Botschaften aus und hat außerdem die Möglichkeit, die als wichtig eingestuften Signale zu verstärken.

Das Gehirn wird also über vorgefilterte und als wichtig und notwendig empfundene Teile der Zustandsänderungen (Veränderung der Homöostase) in Deinem Körper informiert und muss diese hingehend ihrer Gefahr für den Gesamtorganismus sowohl bewusst aber auch unbewusst beurteilen, bewerten und dann darauf reagieren.


Entstehung von Schmerz (Nozizeption)

Kommt es zu dem Schluss, dass etwas bedrohlich ist, werden sehr wahrscheinlich Symptome wie zum Beispiel Schmerzen erzeugt. Ziel der Schmerzerzeugung ist es, dass Du etwas tust (oder nicht mehr tust), damit die schmerzauslösenden Reize entweder nicht mehr ausgelöst werden oder sie aufgrund einer höheren Belastbarkeit keine Bedrohung mehr für Deinen Organismus darstellen.

Da Schmerz auch “erlernbar” ist, kann man dieses Alarmsystem auch umerziehen, sodass ein bisher schmerzauslösender Reiz nun nicht mehr als Gefahr eingestuft wird. [9]

Die Bedrohlichkeit von Reizen wird vom Gehirn in Abhängigkeit von Deiner individuellen derzeitigen Verfassung, vergangenen Erlebnissen, Überzeugungen etc. vorgenommen. Aus diesem Grund kann ein und derselbe Reiz (= gleiche Nozizeption) bei verschiedenen Personen zu einer vollkommen unterschiedlichen Schmerzwahrnehmung führen. [10]

 Belastbarkeit-Belastungs-Modell Schmerzschwelle

In den Jahrmillionen der Menschwerdung nutzten unsere Vorfahren ein facettenreiches Bewegungsrepertoire und liefen bis zu 40 Kilometer täglich.

Aufgrund dessen passten sich durch evolutionäre Prozesse auch unsere Körpermechanismen optimal daran an. Die Bewegungsarmut des Bürozeitalters hingegen führt zu einem verschlechterten Stoffwechsel (z. B. Sauerstoff- und Nährstoffunterversorgung) und begünstigt damit das Gefühl von Verspannungen und Schmerzen. [11]

Der Körper braucht Bewegung und deshalb meldet er sich bei vielen Menschen zum Beispiel nach längerem, monotonen Sitzen mit dem Alarmsignal Schmerz. Dabei gibt es in der Regel jedoch keinen körperlichen Schaden. Nach einer Bewegungspause verschwinden die Schmerzen deshalb auch meistens wieder.

In ihrem hervorragenden Selbsthilfebuch “Das Protectometer” sprechen die Schmerzforscher David Butler und Lorimer Moseley bezogen auf die Schmerzentstehung von DIMs (“Danger in Me” = Gefahr in mir) und SIMs (“Safety in Me” = Sicherheit in mir).

Wenn nun die Gefahren und Belastungen (DIMs) zu einem Zeitpunkt Deine Sicherheiten und Deine Belastbarkeit übersteigen, empfindest Du wahrscheinlich Schmerzen.

Belastbarkeit-Belastung-Schmerz-Modell

Daraus ableitend ergibt es erstens Sinn, dass Du Deine Belastungen und Gefahren reduzierst und/oder Deine Sicherheiten und Belastbarkeit erhöhst. Führe dafür jetzt eine Selbst-Inventur durch:

Schmerztreiber (Belastungen/Gefahren) Entspannungstreiber (erhöhen die Belastbarkeit / bieten Sicherheit)
hohes Arbeitspensum Rückhalt in der Familie
Sorgen um Angehörige Stabile und unterstützende Partnerschaft
vieles Sitzen (Bewegungsmangel) Yoga/Sport
Gesundes Essen
...

Hast Du bei Deiner Selbst-Inventur Schmerztreiber gefunden, die “Dein Fass” besonders füllen? Diese könntest Du schrittweise reduzieren. Und hast Du Faktoren gefunden, die Dir Freude bereiten und Dich stärken? Könntest Du diese vielleicht häufiger in Dein Leben integrieren oder findest Du vielleicht noch weitere stärkende Faktoren?

Wie chronische Schmerzen entstehen

Das Alarmsignal Schmerz ist äußerst hilfreich bei akuten Gefahren. So wäre es für die Genesung sehr nachteilig, wenn Du Deinen gebrochenen Knöchel belasten würdest. Dauerschmerz hingegen hat mit dem ursprünglichen Problem meist kaum noch etwas zu tun. Es kann sogar an Orten schmerzen, die nie einen Gewebeschaden hatten.

Der Grund dafür ist folgender: Jeder Mensch hat eine virtuelle Karte seines Körpers im Gehirn, die sogenannte kortikale Repräsentation. Du weißt deshalb, wo Deine Finger sind und kannst mit geschlossenen Augen an Deine Ohren greifen.

Durch die vielfältigen Einflüsse der Signalweiterleitung und -filterung sowie des -lernprozesses und der jeweiligen Gefährlichkeitsbewertung kann es allerdings zu einem großen Durcheinander und zu Fehlern kommen. Insbesondere dann, wenn Dein Gesamtsystem durch (dauerhafte) Überlastung – beispielsweise bei langanhaltenden Schmerzen oder chronischem Stress – sehr sensibilisiert ist.

Dann kann es passieren, dass unwichtige Meldungen, die uns normalerweise über Dinge wie Druck in einem Gelenk oder Berührung eines Körperteils informieren, manchmal als Gefahr interpretiert werden und Schmerzen erzeugen – sogar an Orten, die mit dem ursprünglichen Reiz überhaupt nicht in Verbindung stehen wie beispielsweise bei Fibromyalgie. Denn ein übersensibilisierter Organismus führt zur Verwischung dieser Körperkarte.

Auf den ersten Blick erscheint das sehr unlogisch. Würden wir jedoch auf potentielle Gefahren unterreagieren, würde das sehr ernste Folgen haben, wie wir an dem sehr kurzen Leben von schmerzlosen Menschen sehen. Diese Überempfindlichkeit ist deshalb ein evolutionärer Vorteil für unser Überleben und vollkommen normal!

Willst Du Deine Schmerzen also wirklich dauerhaft besiegen, reicht es nicht, die Krankheitssymptome mit Tabletten vorübergehend zu betäuben oder mit ein paar Mal Physiotherapie dagegen zu arbeiten. Auch Operationen können häufig nicht oder nur wenig zur dauerhaften Schmerzreduzierung beitragen, da chronischer Schmerz in seltensten Fällen allein durch ein physiologisches Krankheitsbild entsteht.

Es ist Dein eigener Wille, die Ursachen verstehen und Deine ungünstigen Gewohnheiten mit gesunden Ritualen austauschen zu wollen. Nur so kannst Du Deine chronischen Schmerzen loswerden.

Das belegen auch wissenschaftliche Studien: Schmerzpatienten, die die neurophysiologischen und psychologischen Prozesse ihres Körpers verstehen, können ihren Schmerz häufiger und dauerhafter mildern. [12]

Wirksame Behandlungsstrategien bei chronischen Schmerzen

„Krankheiten überfallen den Menschen nicht wie ein Blitz aus heiterem Himmel, sondern sind die Folgen fortgesetzter Fehler wider die Natur.“

Hippokrates, berühmtester Arzt des Altertums

Wenn Schmerzen lange Zeit fortbestehen, liegt das nur sehr selten an Gewebeschäden. Vielmehr solltest Du andere Auslöser und Verstärker (siehe Selbst-Inventur weiter oben) angehen. Denn Schmerz ist multidimensional.

Ein ganz wesentlicher Faktor bei der Chronifizierung von Schmerzen ist die sinkende Belastbarkeit gegenüber immer mehr Aktivitäten. Viele Schmerzpatienten neigen meist aus Angst und Erschöpfung dazu, immer weniger zu machen – meist auch immer weniger von dem, was ihnen gut getan und ihre Belastbarkeit in der Vergangenheit erhöht hat.

Ein Teufelskreislauf: Denn dadurch sinkt Deine physische und emotionale Belastbarkeit immer weiter, die Sensibilität nimmt zu und Dir wird immer mehr immer schwerer fallen. [13]

Fear of Avoidance Schmerz-Modell

[14]

Dein Gehirn verbindet mit der Zeit zunehmend mehr Aktivitäten mit Schmerz. Es gewöhnt sich daran, dass gewisse Reize beziehungsweise Handlungen (irrtümlicherweise) eine Gefahr sind.

Um aus diesem Schmerz-Strudel herauszukommen, musst Du deshalb neue Verknüpfungen mit all den aktuell noch Schmerz oder Angst auslösenden Reizen (z. B. eine bestimmte Bewegung) aufbauen.

Die effektivste Behandlung hierfür ist die Konfrontation, allerdings in an Deinen Zustand angepassten Schritten. Du könntest die bisher schmerzhafte Bewegung beispielsweise in kleinerem Ausmaß oder etwas anders ausführen, sodass kein oder nur wenig Schmerz ausgelöst wird (die Methodik dahinter wird als Graded Exposure oder Pacing bezeichnet).

Durch diese angepasste, schrittweise Annäherung lernt Dein Gehirn, die Reize mit neuen Bewertungen zu verknüpfen und Deine Belastungstoleranz steigt wieder allmählich.

Der Körper passt sich seinen Belastungen an und steigert seine Belastbarkeit

Auch kann es Sinn machen, buchstäblich den Fuß vom lebenseigenen “Gaspedal” zu nehmen. Denn wenn wir ständig am Limit fahren, weil wir einfach hoch motiviert sind oder auch alltäglichen Druck erfahren, um schneller wieder funktionieren zu müssen, kann dies zur Überspannung des Systems führen. Unsere Belastbarkeit wird dadurch trotz ständig aktivem Verhalten sogar verschlechtert. Somit würde das körpereigene Alarmsystem noch sensibler und unser Schmerzempfinden würde bestehen bleiben.

Diese erstaunliche Anpassungsfähigkeit des Menschen ist auch der Grund, warum anfangs zu heißes Badewasser bereits nach kürzester Zeit sogar noch heißer sein könnte oder warum das Treten gegen harte Gegenständen für Kampfsportler mit der Zeit schmerzfrei wird.

Bei all diesen Beispielen werden nach der Anpassung immer noch dieselben Reize gesendet. Aber sie werden nicht mehr als Gefahr interpretiert. Denn der Mensch passt sich an die Stressoren seines Alltags an, solange diese ihn nicht massiv überlasten.

Besonders die schrittweise Steigerung der körperlichen Aktivität stellt bei der Therapie von chronischen Schmerzen eine zentrale Rolle dar. Denn Bewegung im richtigen Ausmaß…

  • wirkt wie ein Schmerzmittel, stärkt deine Selbstheilungskräfte und beugt über 35 Zivilisationskrankheiten entgegen.[15]

  • Wissenschaftliche Arbeiten zeigen sogar, dass zum Beispiel bei einem Laufes über etwa zehn Kilometer die körpereigene Endorphin-Freisetzung der Gabe von 10mg Morphin entspricht – unsere Körpereigene Apotheke ist 24/7 abrufbar.[16]

  • hilft bei der Neustrukturierung Deiner Körperkarte (kortikale Repräsentation) und wirkt somit gegen “wandernde” oder systemische Schmerzen wie Fibromyalgie.

Zusätzlich empfehle ich Dir die sonstigen Schmerztreiber in Deinem Alltag zu analysieren und zu reduzieren sowie mit weiteren Maßnahmen Deine Belastbarkeit zu steigern. Obige Selbst-Inventur kann Dir dabei helfen.

Die wichtigste Übung, die Du machen kannst, ist die, die Du auch tatsächlich machen wirst!

Wie Du schmerzfrei werden kannst trotz Skoliose, Arthrose, Bandscheibenschäden und Co.

In der Schmerzdiagnostik wird leider immer noch zu häufig ausschließlich auf biomechanische Probleme untersucht. Und nahezu immer ergibt die Bildgebung scheinbar abnormale Körperveränderungen wie etwa Skoliosen, Beckenschiefstände, Bandscheibenvorwölbungen, Tendinopathien oder ganz allgemein „Degenerationen”, die für die Schmerzen verantwortlich sein sollen.

Allerdings zeigten in einer Studie an 98 jungen Profi Tennisspielern 94 von diesen in der MRT-Untersuchung “Abnormalitäten” auf. Allerdings hatte keiner der Probanden Schmerzen oder andere Gesundheitsbeschwerden.[17] In einer anderen Meta-Analyse fand man in 37 % der 20 Jährigen ohne Schmerzen Bandscheibenschäden. [18]

Die Schlussfolgerung der Schmerzforschung lautet: Die meisten „Abnormalitäten” und „Degenerationen” sind völlig normal. Sie können als ein Faktor zum Schmerz beitragen, meistens tun sie das jedoch nicht. Für eine schnelle Genesung und Schmerzlinderung musst Du deshalb alle Schmerztreiber in Deinem Alltag berücksichtigen.

Essenz der Schmerzforschung: Schmerzen zu haben ist normal. Sie waren und sind ein wichtiger Überlebensvorteil in der menschlichen Evolution, indem sie uns auf schädliche Zustände aufmerksam machen. Wir können nicht erwarten, immer und zu 100 Prozent schmerzfrei zu sein. Wenn Du zum Beispiel gestresst oder erkältet bist, ist es normal, sensibler zu sein oder das Gefühl von Entzündung, Verspannung oder Schmerzen zu haben.

Es ist falsch, körperliche Veränderungen oder “Abnormalitäten” mit Schmerzen gleichzusetzen. Leider aber wird genau das sehr oft getan, womit die Wahrscheinlichkeit und Intensität von Schmerzen verschlimmert werden. Denn die Schmerzerwartung – die Alarmbereitschaft – hat weiter Bestand. So kommt es dazu, dass der Schmerz fortbesteht, eben weil unser Schmerzgefühl multidimensional und multifaktoriell ist.

Nachfolgend findest Du einige Faktoren, die nachweislich Deine Belastbarkeit und damit Deine Schmerztoleranz erhöhen beziehungsweise bei Fehlen reduzieren:

Biologische Faktoren Psychologische Faktoren Soziale Faktoren
häufige und vielfältige Bewegung, Ausdauer und Kondition, Meiden von einseitigen Bewegungen und Überlastung, guter Schlaf, gesundes Körpergewicht, Nichtraucher, wenig Alkohol, gesunde Ernährung positive Überzeugungen, hohe Selbstwirksamkeit, kognitive Flexibilität, Akzeptanz, Achtsamkeit, Stressresistenz, geringe Angst, positive Stimmung kulturelle Faktoren, unterstützende Familie und Arbeits-/Schulumgebung, finanzielle Sicherheit, Bildungsniveau

Dein Körper ist von Natur aus äußerst robust, anpassungsfähig und stabil. [19][20] Wusstest Du beispielsweise, dass eine durchschnittliche Wirbelsäule über einer Tonne Belastung aushalten kann? Die meisten Bewegungen liegen weit unter der körperlichen Belastungsgrenze.

Die uns Menschen angeborene Anpassungsfähigkeit ist der Grund für Deine Schmerzen. Dein Körper hat sich durch viele Faktoren derart angepasst, dass die Summe Deiner Alltagsbelastungen größer ist als Deine Belastbarkeit. Dieser Prozess ist genauso durch Anpassung auch wieder umkehrbar.

Zwar können sich manche Fortschritte schnell einstellen, wie aber Deine hohe Schmerzsensibilität das Resultat langjähriger Anpassung ist, benötigst Du auch Geduld, wieder mehr Schmerztoleranz aufzubauen.

Das Gute ist: Nur selten gibt es DIE EINE Sache, die zuerst “repariert” (“eingerenkt”, “mobilisiert”, “deblockiert” oder “operiert”) werden muss. Anstatt Dich nur auf körperliche Faktoren zu fokussieren, solltest Du auch emotionale Aspekte in Deinem Leben berücksichtigen.

Dabei musst Du keineswegs alle “Baustellen” sofort angehen. Niemand ist perfekt und es ist illusorisch perfekt sein zu wollen. Es ist in Ordnung ein paar “Fehler” oder Belastungen zu haben. Dein Körper ist belastbar und kann Stressoren tolerieren!

Schmerzen Ursachen laut Professor Ingo Froböse

Sind Schmerztabletten sinnvoll?

Egal ob Knieschmerzen, Kopfschmerzen oder Rückenschmerzen – der Durchschnittsdeutsche greift schnell und häufig – und manchmal sogar provisorisch – zu freiverkäuflichen Schmerztabletten wie Ibuprofen, Aspirin oder Paracetamol.

„Dass sie frei verkäuflich sind, macht sie nicht zu harmlosen Medikamenten“, warnt der Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Schmerztherapie.

Denn Schmerztabletten haben allerhand nachteilige Wirkungen[21]:

  • Sie werden schnell überdosiert oder zu lange eingenommen und schädigen so innere Organe und Nerven

  • Sie unterdrücken die Schmerzwahrnehmung auslösenden Reizmechnismus, aber bekämpfen die Schmerzursache nicht

  • Sie sind schwierig zu dosieren, da bspw. Paracetamol in vielen anderen Medikamenten bereits enthalten ist

  • Es besteht Suchtgefahr

  • Die Wirkung lässt mit der Anwendungsdauer nach und es muss höher dosiert werden, um eine gleichbleibende Wirkung zu erzielen

Auch an mir probierte man von Voltaren bis Kortison alles aus. Bis auf immer mehr Frustration und Gewichtszunahme hatte das alles dauerhaft nichts gebracht.

Wann Schmerzmittel sinnvoll sind: Wenn Du so starke Schmerzen hast, dass Du kaum schlafen kannst und jede Bewegung extrem schmerzt und damit wiederum die Verspannungen erhöht, dann sind Schmerzmittel ein wichtiges Mittel zum Durchbrechen dieses Teufelskreislaufs. Nimmst Du tatsächlich dann ein Schmerzmedikament, solltest Du die schmerzreduzierte Zeit nutzen, um Dich allmählich wieder an die Bewegung und förderliche Verhaltensweisen im Alltag zu gewöhnen und/oder erholsam zu schlafen.

Bei Schmerzen Ruhe oder Bewegung?

Wer krank ist oder Schmerzen hat, wird meist umsorgt und soll sich schonen. So raten zumindest oft Angehörige, leider aber auch sehr oft Ärzte.

Die Schonung geht dann nur häufig schnell in einen absoluten Bewegungsmangel und eine passive innere Einstellung über. Und genau hier liegt das Problem: Wer sich nicht bewegt, wird auch nur sehr langsam wieder gesund und riskiert weitere Beschwerden.

Denn Bewegung ist der Motor, damit der menschliche Körper funktioniert. Beispielsweise das Lymphsystem, das Stoffwechsel-Abfälle abtransportiert, läuft ausschließlich über Muskelkontraktion – also bei Bewegung.

Versteh mich nicht falsch: Natürlich sollte man mit gebrochenem Bein keinen Marathon laufen. Bei a-spezifischen Rückenschmerzen (Schmerzen ohne klar sichtbar zugrunde liegender Ursache wie Krebs oder Verletzungen) zum Beispiel, solltest Du Dich wieder allmählich an die Bewegung gewöhnen und das Pensum schrittweise erhöhen. Starten könntest Du beispielsweise mit sanfter Wirbelsäulengymnastik.

Bei Kopfschmerzen machen es intuitiv viele Menschen richtig: Sie gehen an der frischen Luft spazieren, weil sie spüren, dass das hilft. Und das tut es tatsächlich. Denn Bewegung, insbesondere an der frischen Luft, baut Verspannungen um die Halswirbelsäule ab und löst somit die Kopfschmerzen.

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Wer nicht jeden Tag etwas für seine Gesundheit aufbringt, muss eines Tages sehr viel Zeit für die Krankheit opfern.

Sebastian Kneipp

Fazit: Schlüsselerkenntnisse zum Thema Schmerzen

Absolute und immerwährende Schmerzfreiheit ist weder möglich noch ein erstrebenswertes Ziel. Denn Schmerz ist die Möglichkeit unseres Körpers, uns bei drohender Schädigung dazu aufzufordern, Dinge anders zu machen. Das Leben von Menschen, die genetisch bedingt keinen Schmerz spüren, ist deshalb meist sehr kurz.

Deshalb sollte Dein Fokus vielmehr auf all den beeinflussbaren Faktoren liegen, die Dein Leben gesünder und glücklicher machen. Der schöne Nebeneffekt ist ein Leben mit weniger Schmerzen. Denn Schmerz ist, wie Du gelernt hast, multifaktoriell.

  • Schmerzen sind IMMER real! Es gibt keine eingebildeten Schmerzen.

  • Schmerzen haben erziehenden und alarmierenden Charakter. Sie zeigen uns (meistens), was gut und was schlecht ist für unsere Gesundheit und verlängern somit unser Leben.

  • Schmerzen durch Arznei zu betäuben, bedeutet, dieser Alarmfunktion den Mund zu zu kleben ohne dabei die Schmerzursache zu beheben. Um Schmerzkreisläufe zu durchbrechen, kann es dennoch sinnvoll sein, beispielsweise Schmerztabletten vorübergehend zu nehmen.

  • Schmerz ist immer eine persönliche Erfahrung, die in unterschiedlichem Maße von biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren beeinflusst wird.

  • Schmerzen sind multifaktoriell und entstehen immer dann, wenn die Summe all Deiner Belastungen zu diesem Zeitpunkt Deine Belastbarkeit übersteigen.

  • Deshalb gibt es nicht die eine Sache, die zuerst korrigiert werden muss, sondern Du hast viele Stellschrauben.

Hast Du Tipps für uns und unsere Leser, um Schmerzen natürlich zu bekämpfen? Ich freue mich auf Deinen Kommentar!

Weitere Blogbeiträge zum Thema Schmerzen

[1] Nesse, Randolph M., and Jay Schulkin. “An evolutionary medicine perspective on pain and its disorders.” Philosophical Transactions of the Royal Society B 374.1785 (2019): 20190288.
[2] Ekhtiari, Seper, et al. “Opioid use in athletes: a systematic review.” Sports Health 12.6 (2020): 534-539.
[3] Zürcher, Urs. “Wenn es schmerzt, wo nichts mehr ist. Aspekte einer Körper-Geschichte der Phantomschmerzen.” Historische Anthropologie 13.1 (2005): 61-90.
[4] van Vonderen, A. “Mehrdimensionales Belastungs-Belastbarkeits-Modell: Ein konzeptuelles Modell für die Physiotherapie.” manuelletherapie 9.05 (2005): 230-236.
[5] Cohen, Milton, John Quintner, and Simon van Rysewyk. “Reconsidering the International Association for the Study of Pain definition of pain.” Pain reports 3.2 (2018).
[6] Ronald Melzack: “The puzzle of pain”, 1973
[7] Deutsche Schmerzliga e.V.: Chronischer Schmerz: Daten, Fakten, Hintergründe. Stand 01.2013. schmerzliga.de/download/Dossier_Schmerzliga.pdf, letzter Abruf: 22.08.2019
[8] Henningsen, Harald Gündel, Andres Ceballos-Baumann: Neuro-Psychosomatik – Grundlagen und Klinik neurologischer Psychosomatik. Schattauer, Stuttgart 2006, ISBN 3-7945-2378-4, S. 19–22
[9] Louw, Adriaan, et al. “The efficacy of pain neuroscience education on musculoskeletal pain: a systematic review of the literature.” Physiotherapy theory and practice 32.5 (2016): 332-355.
[10] Tabor, Abby, et al. “Pain: a statistical account.” PLoS computational biology 13.1 (2017): e1005142.
[11] Hanna, Fahad, et al. “The relationship between sedentary behavior, back pain, and psychosocial correlates among university employees.” Frontiers in public health 7 (2019): 80.
[12] Moseley, Lorimer. “Combined physiotherapy and education is efficacious for chronic low back pain.” Australian journal of physiotherapy 48.4 (2002): 297-302.
[13] Crombez, Geert, et al. “Fear-avoidance model of chronic pain: the next generation.” The Clinical journal of pain 28.6 (2012): 475-483.
[14] Vlaeyen, Johan WS, Geert Crombez, and Steven J. Linton. “The fear-avoidance model of pain.” Pain 157.8 (2016): 1588-1589.
[15] Booth, Frank W., Christian K. Roberts, and Matthew J. Laye. “Lack of exercise is a major cause of chronic diseases.” Comprehensive physiology 2.2 (2011): 1143-1211.
[16] Janal, Malvin N., et al. “Pain sensitivity, mood and plasma endocrine levels in man following long-distance running: effects of naloxone.” Pain 19.1 (1984): 13-25.
[17] Rajeswaran, G., et al. “MRI findings in the lumbar spines of asymptomatic elite junior tennis players.” Skeletal radiology 43.7 (2014): 925-932.
[18] Brinjikji, Waleed, et al. “Systematic literature review of imaging features of spinal degeneration in asymptomatic populations.” American Journal of Neuroradiology 36.4 (2015): 811-816.
[19] Cholewicki, Jacek, Manohar M. Panjabi, and Armen Khachatryan. “Stabilizing function of trunk flexor-extensor muscles around a neutral spine posture.” Spine 22.19 (1997): 2207-2212.
[20] Meulders, Ann. “Fear in the context of pain: Lessons learned from 100 years of fear conditioning research.” Behaviour research and therapy 131 (2020): 103635.
[21] https://drugabuse.com/opioids/prescription/effects-use/#are-painkillers-harmful-

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